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Ein Haus ohne Bücher ist arm, auch wenn schöne Teppiche seine Böden und kostbare Tapeten und Bilder die Wände bedecken. Mit diesem Zitat von Hermann Hesse beginnt meine Masterarbeit – und es trifft genau den Kern: Lesen ist mehr als nur ein Schulfach. Es ist eine Kulturtechnik, die uns prägt, uns weiterbringt und uns ein Leben lang begleitet.

In meiner Arbeit „Durch die Genese der Lesemotivation zu lebenslangem Lernen“ habe ich untersucht, wie unsere frühe Beziehung zum Lesen – also die Genese der Lesemotivation – unsere Haltung zum Lernen im Erwachsenenalter beeinflusst. Die zentrale Frage lautete: Woher kommt die Lust am Lesen, und wie hängt diese mit der Bereitschaft zusammen, sich immer wieder weiterzubilden?

Warum lesen? Und warum lernen?

Lesen ist eine der wichtigsten Schlüsselqualifikationen – in der Schule, im Beruf und im Alltag. Doch viele Menschen lesen immer weniger, vor allem Bücher. In meiner täglichen Arbeit als Lerntherapeutin sehe ich täglich, wie Kinder und Jugendliche an Leseschwierigkeiten scheitern, nicht weil sie nicht können, sondern weil sie nicht wollen. Und viele Erwachsene realisieren nicht, dass Lesen die Grundlage für fast alle anderen Fächer ist: Geschichte, Biologie, Politik, Recht, Medizin – ohne Leseverständnis geht nichts.

Gleichzeitig wird lebenslanges Lernen immer wichtiger. Die Arbeitswelt verändert sich rasant, Menschen arbeiten länger und wechseln häufiger den Beruf. Wer sich nicht ständig weiterbildet, bleibt zurück. Aber was motiviert uns, uns weiterzubilden? Meine Arbeit zeigt: Eine entscheidende Rolle spielt die Lesemotivation – und die entsteht schon in der Kindheit.

Woher kommt die Lesemotivation?

Lesemotivation ist nicht einfach da, sondern wird geprägt – vor allem durch die Familie, die Schule und das soziale Umfeld. In meiner Studie habe ich Erwachsene befragt, wie sie als Kind gelesen haben, welche Rolle Bücher in ihrer Familie spielten und wie sie heute lesen.

Die Ergebnisse bestätigen, was viele Studien zeigen:

  • Wer als Kind viel gelesen hat, liest auch als Erwachsener häufiger.
  • Wer viele Bücher zu Hause hatte, liest eher regelmässig.
  • Wer Lesen als Spass erlebt hat (und nicht nur als Pflicht), ist intrinsisch motiviert und liest aus eigenem Antrieb.

Besonders wichtig ist die Rolle der Eltern. Sie sind Vorbilder: Wenn Eltern selbst lesen, lesen ihre Kinder eher mit. Wenn Eltern vorlesen, entwickeln Kinder früher eine positive Beziehung zu Büchern. Aber auch Peers (Freunde, Geschwister, Klassenkameraden) spielen eine Rolle – wer in einem Umfeld lebt, in dem Lesen normal ist, liest eher selbst.

Lesen und lebenslanges Lernen: Der Zusammenhang

In meiner Studie habe ich auch untersucht, ob Menschen, die viel lesen, eher bereit sind, sich weiterzubilden. Die Antwort lautet: Ja. Personen, die häufig bis sehr oft lesen,

  • verbinden lebenslanges Lernen eher mit Lesen,
  • haben eher schon eine Weiterbildung absolviert und
  • planen eher, in den nächsten zwei Jahren eine Weiterbildung zu machen.

Das bedeutet: Lesemotivation und Leseverhalten sind wichtige Bausteine für eine positive Haltung zum lebenslangen Lernen. Wer gerne liest, ist eher bereit, sich neues Wissen anzueignen, sich weiterzubilden und sich auf Veränderungen einzulassen.

Was bedeutet das für Eltern und Pädagog*innen?

Die gute Nachricht: Lesemotivation kann gefördert werden – und zwar am besten schon früh.

  • Lesen Sie vor. Vorlesen ist eine der wirksamsten Massnahmen, um bei Kindern Interesse an Büchern und Sprache zu wecken.
  • Machen Sie Lesen zum Ritual. Gemeinsames Lesen, Bücherregale, Besuche in der Bibliothek – all das schafft ein positives Leseumfeld.
  • Lesen Sie selbst. Kinder brauchen Vorbilder. Wenn sie sehen, dass Mama und Papa selbst gerne lesen, ist die Wahrscheinlichkeit grösser, dass sie es auch tun.
  • Lassen Sie die Kinder wählen. Lesemotivation wächst, wenn Kinder selbst entscheiden dürfen, was sie lesen wollen – ob es ein Comic, ein Sachbuch oder ein Fantasy-Roman ist.

Auch in der Schule und in der Erwachsenenbildung geht es darum, Lesen nicht nur als Pflichtaufgabe zu sehen, sondern als Quelle von Wissen, Spannung, Empathie und Inspiration.

Fazit: Lesen als Brücke zum lebenslangen Lernen

Meine Arbeit zeigt: Lesemotivation ist kein Zufall, sondern das Ergebnis vieler kleiner und grosser Einflüsse – von der Familie über die Schule bis zum sozialen Umfeld. Wer als Kind eine positive Beziehung zum Lesen aufbaut, ist als Erwachsener eher bereit, sich weiterzubilden und sich lebenslang zu entwickeln.

Lesen ist also nicht nur eine Fähigkeit, sondern eine Haltung: eine Haltung, die neugierig macht, die Veränderungen meistern hilft und die uns ein Leben lang begleitet. In einer Welt, in der sich alles ständig verändert, ist genau diese Haltung wertvoller denn je.

Hilfe und Beratung biete ich für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in individuell angepassten Einzelsitzungen

Sie können mich gerne kontaktieren unter:

+41 79 923 85 32