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Muss es immer der Tod sein?
Oder reicht auch ein anderes Trauma?

Manchmal verändert nicht der Tod unser Leben, sondern etwas, das genauso erschütternd sein kann. Ein Unfall. Eine schwere Diagnose. Ein Schlaganfall. Eine Operation mit Komplikationen. Ein Moment, in dem plötzlich nichts mehr so ist wie vorher.

Und dann stellt sich die Frage: Was ist eigentlich ein Trauma?

Ein Trauma ist nicht nur das grosse, dramatische Ereignis, das von aussen sichtbar ist. Ein Trauma ist etwas, das innerlich so stark erschüttert, dass das bisherige Leben aus der Bahn gerät. Es ist der Punkt, an dem wir merken: So wie es war, geht es nicht weiter. Wir müssen neu sortieren, neu denken, neu fühlen, neu leben.

Das kann nach aussen kleiner aussehen, als es innerlich ist. Und genau das macht es so schwer erklärbar. Denn von aussen wird schnell verglichen, eingeordnet, relativiert. Doch für den Menschen, der es erlebt, ist es nicht klein. Es ist sein Leben.

Wenn das Leben neu zusammengesetzt werden muss

Was braucht es, um das Leben, wie es war, aus der Bahn zu werfen? Manchmal leider nur einen einzigen Augenblick. Danach beginnt etwas, das niemand freiwillig wählt: Stück für Stück alles neu zusammensetzen.

Nicht nur den Alltag. Auch die Rolle in der Familie. Das Selbstbild. Die Hoffnung. Die Gewohnheiten. Die Zukunft.

Und genau an diesem Punkt wird das Umfeld wichtig. Aber nicht immer auf die Weise, wie es gut gemeint ist. Denn Hilfe kann trösten — sie kann aber auch zu viel sein. Zu viele Fragen. Zu viele Ratschläge. Zu viele Vergleiche. Zu wenig echtes Dasein.

Was erwarte ich von meinem Umfeld?

Ich erwarte nicht, dass alle alles verstehen. Das kann niemand.
Ich erwarte nicht, dass alle die richtigen Worte finden. Die gibt es oft gar nicht.

Aber ich erwarte Respekt.

Respekt davor, dass mein Schmerz echt ist.
Respekt davor, dass ich anders reagiere als andere.
Respekt davor, dass ich nicht dankbar lächeln muss, wenn mir nach Weinen ist.
Respekt davor, dass mein Weg mein Weg ist.

Manchmal ist Zuhören mehr wert als jeder gut gemeinte Satz. Manchmal ist Schweigen hilfreicher als Erklären.

Was ist zu viel, was ist zu wenig?

Zu viel ist, wenn andere mir vorschreiben wollen, wie ich fühlen soll.
Zu viel ist, wenn mir jemand sagt: „Du musst jetzt nach vorn schauen“, während ich noch mitten im Schmerz stehe.
Zu viel ist, wenn mein Erleben mit fremden Geschichten verglichen wird.

Zu wenig ist, wenn niemand bleibt.
Zu wenig ist, wenn ich nur dann gesehen werde, wenn ich funktioniere.
Zu wenig ist, wenn erwartet wird, dass ich „wieder die Alte“ bin, bevor ich überhaupt wieder atmen kann.

Und ja: Manchmal ist es auch zu viel, immer freundlich zu sein.

Wenn ich denke: Halt doch endlich die Klappe

Wie oft ist es okay, innerlich zu denken: Halt doch endlich mal die Klappe?

Vielleicht öfter, als zugegeben.

Denn manchmal sagt das Gegenüber Dinge, die nicht passen. Dinge, die verletzen. Dinge, die klein machen. Und irgendwann darf aus dem inneren Satz auch ein äusserer werden — ruhig, klar, ohne Angriff, aber mit Grenze.

Zum Beispiel:
„Ich möchte gerade keinen Vergleich hören.“
„Bitte erzähle mir nicht, wie es bei Schwester Hilde war.“
„Das hilft mir nicht.“
„Ich brauche gerade etwas anderes: Ruhe, Zuhören, Präsenz.“

Denn niemand ist in derselben Situation.
Nicht mit derselben Diagnose.
Nicht mit demselben Verlauf.
Nicht mit denselben Gefühlen.
Nicht mit demselben Ausgang.

Vergleiche nehmen dem Erlebten seine Einzigartigkeit. Und genau das tut weh.

Darf ich beten, auch wenn ich keiner Kirche angehöre?

Ja. Natürlich.

Beten ist nicht nur eine Frage von Religion. Beten kann auch heissen: sich wenden. Hoffen. Sprechen. Schweigen. Bitten. Loslassen. Klammern. Vertrauen. Suchen.

Ich darf glauben, ohne einer Kirche anzugehören.
Ich darf zweifeln und trotzdem hoffen.
Ich darf traurig sein und trotzdem beten.
Ich darf mich getragen fühlen, auch wenn sich nicht alles erklären lässt.

Manchmal ist Gebet einfach der kleinste Faden, der mich noch mit etwas verbindet, das grösser ist als mein Schmerz.

Mehr als essen und schlafen geht oft nicht

Und dann gibt es diese Phase, in der von aussen kommt: „Schau auf dich.“
Ja — aber wie?

Wenn alles schwer ist, ist mehr als essen und schlafen und das nötigste Funktionieren gar nicht möglich. Dann ist schon das ein Erfolg. Dann ist es nicht Faulheit, nicht Schwäche, nicht mangelnder Wille. Dann ist es Überleben.

Ich muss Trauer nicht abstellen.
Ich muss Frust nicht verbieten.
Ich muss Wut nicht verstecken.
Ich muss Schmerz nicht wegdenken.

Ich darf schreien.
Ich darf weinen.
Ich darf unfair finden, was passiert ist.
Ich darf mich zurückziehen.
Und ich darf Menschen aus dem Leben ausschliessen, die sich daneben benehmen.

Dieses Recht nehme ich mir heraus. Denn mein Leben wurde durch diesen Schicksalsschlag so tief verändert, dass alte Regeln nicht mehr einfach gelten können.

Jetzt ist meine Zeit

Wir wurden oft so erzogen: Ich muss funktionieren. Ich muss nett sein. Ich muss mich anpassen. Ich soll es „richtig“ machen.

Aber vielleicht ist jetzt meine Zeit.

Jetzt ist die Zeit, es so zu machen, dass es mir gut tut.
Vielleicht am Anfang noch so, wie wir es beide gewollt hätten.
Und dann immer mehr so, wie es mir entspricht.

Nicht aus Trotz.
Sondern aus Selbstachtung.

Ich darf mich neu zusammensetzen. Nicht perfekt, nicht sofort, nicht ohne Bruchstellen. Aber echt.

Hoffnung, Glaube und Liebe

Was mich weiterträgt, ist nicht, dass der Schmerz verschwindet. Das muss er auch nicht.
Was mich weiterträgt, ist, dass ich trotzdem Gutes sehen darf.

Menschen, die sich kümmern.
Menschen, die mitfühlen.
Menschen, die in Gedanken bei mir sind.
Menschen, die kleine Taten gross machen.

Denn in so einer Zeit sind kleine Dinge nicht klein.
Ein Anruf.
Ein Essen.
Ein Blick.
Ein ruhiges Dasein.
Ein ehrliches „Ich bin da“.

Das sind keine Nebensächlichkeiten. Das sind oft die Dinge, die tragen.

Hoffnung, Glaube und Liebe bringen mich weiter. Nicht weil sie den Schmerz löschen, sondern weil sie ihm etwas entgegensetzen.

Und manchmal ist genau das genug.

(Eine Betroffene)

Hilfe und Beratung biete ich für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in individuell angepassten Einzelsitzungen

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